SAN ANDREAS VERWERFUNG - Prävention

7.1 Verhütung von Erdbeben

Vorbeugen ist bekanntlich besser als heilen - das gilt auch für Erdbeben. Der beste Schutz vor ihnen wäre deren gänzliche Verhütung. Das hiesse aber in der Erdkruste keine Ansammlung mechanischer Spannungen zuzulassen. Aber die erdinneren, geodynamischen Motoren lassen sich nicht abschalten. Es bleibt dem Menschen nur der Versuch, die sich anstauende Erdbebenenergie rechtzeitig in kleinen, unschädlichen Mengen abzubauen.

Um Erdbebenspannungen allmählich abzubauen, sind zunächst Bohrlöcher nötig, die bis in den Bereich des im Entstehen befindlichen Herdes reichen. Gleichzeitig muss ein Mechanismus wirksam werden, der ein drohendes Gross- und viele ungefährliche Kleinbeben auflöst. Durch Zufall wurde ein solches Wirkungsprinzip gefunden. Nach dem Einpressen von Abwässern in ein über 3'000 m tiefes Bohrloch bei Denver (USA) beobachteten die Seismologen 1962 den Beginn einer intensiven Mikroerdbeben-aktivität in diesem Gebiet. Die Anzahl der Beben erreichte teilweise 120 pro Monat. Die stärksten erreichten eine Magnitude von 4.6. Zuletzt waren dort fühlbare Beben 1882 aufgetreten

Nachdem die Wissenschaftler die Seismogramme ausgewertet hatten, glaubten sie die näheren Zusammenhänge erkannt zu haben: Durch das Einpressen von Flüssigkeit in Gestein wird der Poren- und Kluftwasserdruck stark erhöht, was zu einer Verringerung des Reibungswiderstandes der Gesteinspartikel führt. Gleichzeitig vermindert sich die Scherfestigkeit, und bereits vorhandene mechanische Verspannungen können plötzlich gelöst werden. Dabei treten ruckartige Bewegungen auf, die sich als kleine Erdbeben bemerkbar machen.

Die Seismologen hatten bald Gelegenheit, ihre Theorie zu überprüfen. Sie fuhren zum ausgebeuteten Erdölfeld von Rangley im Westen Colorados; durch die in diesem Gebiet ab und zu auftretenden Erdbeben war bekannt, dass dort eine gewisse tektonische Spannung herrscht.

Vier Jahre lang injizierten die Wissenschaftler über die alten Bohrlöcher Wasser in die unteren Bodenschichten; dabei variierten sie Wassermenge und -druck und überwachten das Gebiet mit einer besonderen Kombination von Seismographen. Erfreulicherweise zeigten sich unmittelbare Wirkungen. Immer, wenn der Wasserdruck im Porenraum des Gesteins einen bestimmten Wert erreichte, nahm die Erbebentätigkeit sprunghaft zu. Sank der Druck unter diesen Wert ab, hörten die Beben auf. Die Theorie, die man nach den Ereignissen von Denver aufgestellt hatte, war durch das kontrollierte Experiment von Rangley bestätigt worden.

Erste Projekte zur Nutzung des gezielten künstlichen "Erdbebenabbaus" sind in der Versuchsphase. An der San-Andreas-Verwerfung bemühen sich die Techniker und Seismologen, über ein dichtes Netz von Einspritzbohrungen die sprunghaften Verschiebungen der Krustenblöcke zu harmlosen Kriechvorgängen herunterzumanipulieren.

7.2 Erdbebenvorhersage

7.2.1 Entwicklung

Das Problem der Vorhersage wurde in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts fast völlig vernachlässigt. Die Seismologen waren vollauf damit beschäftigt zu verstehen, was Erdbeben überhaupt sind und warum sie auftreten. Ein schweres Erdbeben am 10. Juli 1949, dass in Tadschikistan 12'000 Menschen tötete, veranlasste schliesslich sowjetische Wissenschaftler zu einer sofortigen und mit Nachdruck betriebenen Suche nach der Möglichkeit verlässlicher Prognosen.

Als erstes leitete man eine eine geologische Untersuchung des betroffenen Gebietes in bisher unbekannten Massstab ein. Dutzende von Instrumenten massen Schwereverteilung, Magnetismus und elektrische Leitfähigkeit. Sehr sorgfältig wurden auch Seismogramme der Erdbeben erstellt. Jahr für Jahr sammelten sich die Daten. Erst nach 15 Jahren - Mitte der sechziger Jahre - entdeckten die Russen etwas, das eindeutig ein frühzeitiges Warnsignal für Erdbeben zu sein schien. Eine bestimmte Zeit vor jedem registrierbaren örtlichen Erdbeben änderte die Geschwindigkeit der P-Wellen, die von Mikrobeben in derselben Gegend stammten. Nach einer bestimmten Zeit normalisierte sie sich wieder - kurz danach gab es jedesmal ein relativ starkes Erdbeben.

Die Sowjets präsentierten ihre aufsehenerregende Entdeckung 1971 der Fachwelt und unter den Seismologen verbreitete sich die Zuversicht, hier könnte der Schlüssel zu einer zuverlässigen Erdbebenvorhersage liegen.

In Kalifornien gingen die Wissenschaftler das seismische Material des Erdbebens von San Fernando 1971 nochmals sorgfältig durch und sie fanden heraus, dass die Geschwindigkeit der Primärwellen, die das Gebiet durchliefen, vor dem Erdbeben etwa drei Jahre lang verändert gewesen war.

Bestätigendes Material begann sich zu häufen und schon bald hatten die Geologen eine Begründung dafür gefunden: Wenn die Spannung im Gestein sich der Bruchgrenze nähert, wird es von einer Unzahl von Haarrissen durchzogen, die eine Dehnung verursachen. Das Gestein wird poröser und leitet Elektrizität besser, ausserdem verlangsamt sich der Durchgang von höherfrequenten Wellen, kompressiven Stosswellen, die mit seismischen Primärwellen gleichzusetzten sind. Wenn die Rissbildung ihren Höhepunkt erreicht und unmittelbar vor dem endgültigen Bruch innehält, sickert Grundwasser in die Risse ein und führt dazu, dass sich die P-Wellen wieder mit ihrer Normalgeschwindigkeit ausbreiten.

Ermutigt durch diese neue Theorie begannen die amerikanischen Seismologen 1973 ganz vorsichtige Vorhersagen zu wagen. Während der folgenden Jahre konnten die Wissenschaftler in Kalifornien von mehreren Mikrobeben das Gebiet, die ungefähre Stärke und den ungefähren Zeitpunkt vorhersagen. Nach dieser Erprobung der Dilatationstheorie verbreitete sich die Überzeugung, dass endlich eine zuverlässige Erdbebenprognose möglich sei.

Auch in China waren die Forscher dabei, eine Methode zur Erdbebenvorhersage zu finden. Die Chinesen hielten nach all den Anzeichen Ausschau, die man in der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten als typisch erkannt hatte. Zusätzlich interessierten sich die Wissenschaftler auch für das Verhalten mancher Tiere unmittelbar vor einem Erdbeben.

Besonders genau hielten die Chinesen bei ihren Beobachtungen die Provinz Lianoing im Auge. In den ersten Wochen des Jahres 1975 häuften sich die Anzeichen, die für ein Erdbeben sprachen. Dann am Morgen des 04. Februar 1975 gab das staatliche seismische Büro eine Warnung heraus, dass innerhalb von zwölf Stunden die Provinz von einem schweren Beben erschüttert werde. Die Bewohner wurden aufgefordert, die Häuser zu verlassen. Am Abend setzte das Beben ein und zerstörte einem Grossteil der Bauwerke. Doch Menschen kamen kaum zu schaden. In einem Gebiet mit drei Millionen Einwohnern, in dem man erwarten konnte, dass ein Erdbeben von dieser Gewalt Zehntausende von Todesopfern fordern würde, gab es nur 300 Tote. Die Vorwarnung hatte eine Katastrophe abgewendet, und die seismologische Fachwelt feierte diesen wegweisenden Erfolg.

17. Monate später, am Morgen des 28. Juli 1976. Die Bewohner der Stadt Tangschans schliefen noch, als plötzlich und ohne Vorwarnung die Erde zu beben begann, und noch bevor sie wussten, was geschah, stürzten die Häuser über ihnen zusammen. Eine halbe Million Menschen verloren ihr Leben.

Durch das Erdbeben von Tangschan wurde die wachsende Überzeugung, dass man Erdbeben zuverlässig vorhersagen könnte, abrupt und brutal ad absurdum geführt. Es war deutlich geworden, dass viele Erscheinungen, die als sichere Zeichen einer bevorstehenden Erschütterung gewertet worden waren, durchaus nicht als sicher gelten konnten. Vor manchen Erdbeben waren sie zu beobachten, vor anderen nicht. Es war nun offenkundig, die Wissenschaft brauchte mehr Informationen und Daten wollte sie einen Weg finden, Erdstösse präzise vorherzusagen.

7.2.2 Forschungsstand

Keine Region Nordamerikas hat eine zuverlässige Erdbebenvorhersage dringender nötig als das Gebiet entlang der San-Andreas-Verwerfung. Es gibt dort zwei Abschnitte, in deren Bereich sich die Verwerfung, im Gegensatz zu anderen Abschnitten, nicht bewegt.

In der Nähe ihres nördlichen Endes bei San Francisco hat sich die die San-Andreas-Verwerfung seit Jahrzehnten nicht verändert. Mittelstarke Erdbeben sind die Folge von Brüchen entlang der begleitenden Verwerfungen. Die San-Andreas-Verwerfung selbst hat sich bei San Francisco seit 1906 nicht mehr geregt. Die Spannung ist seither gleichmässig angewachsen und wird über kurz oder lang unweigerlich zum Bruch führen.

550 Kilometer weiter im Süden bei Los Angeles ist die Situation ähnlich. Es gab zwar einige spürbare Erdbeben in diesem Gebiet, aber auch sie wurden von Bewegungen entlang verschiedener Seitenverwerfungen ausgelöst. Das letzte Mal - im Jahre 1857 - brach die San-Andreas-Verwerfung an ihrem Südende, seither ist sie stabil geblieben, doch auch hier baut sich Spannung auf.

Es besteht also kaum Zweifel, dass die San-Andreas-Verwerfung wieder brechen wird - die Frage ist nur wann. Auf der Suche nach einer brauchbaren Antwort halten die Wissenschaftler die Verwerfung unter genauster Beobachtung. Mit verschiedenen Instrumenten beobachten, messen und erforschen sie absolut alles, was Hinweise auf eine drohende Katastrophe geben könnte.

Um mehr Informationen über die Vorboten von Erdbeben zu erhalten, haben die Wissenschaftler in Parkfield einen aufwendigen Versuch gestartet. Niemand nähme von dieser Stadt Notiz, würden hier nicht Erdbeben mit einer geradezu erstaunlichen Regelmässigkeit auftreten. Im Schnitt bebt die Erde in Parkfield alle 22 Jahre. Das macht diese Gegend zu einem begehrten Forschungsobjekt, denn hier können die Wissenschaftler innerhalb einer Lebensspanne mehrere Beben an einem einzigen Ort untersuchen. Deshalb haben die Wissenschaftler einen gewaltigen technischen Aufwand betrieben. Das Gelände um Parkfield wurde mit fast 500 Instrumenten bestückt. Sensoren tief unter der Erde registrieren jede Bewegung, jede Druckveränderung im Boden und melden das Ergebnis an Kontrollintrumente. Ausserdem wird die Höhe des Grundwasserspiegels laufend überwacht. In grossen Schächten hat man hochempfindliche Seismographen tief in die Erde versenkt. Alle Instrumente arbeiten wartungsfrei mit Sonnenenergie und die gemessenen Daten werden sofort via Satellit zum Zentralrechner des geologischen Dienstes in der Nähe von San Francisco übertragen. Dort werden die Daten aufbereitet und zurückgefunkt. Als Zentrale in Parkfield wird ein altes Farmhaus benutzt. Nun bleibt den Wissenschaftlern nichts anderes übrig, als sehr viel Geduld zu haben. Schon jetzt ist das erwartete Beben überfällig, es hätte eigentlich bereits 1988 sattfinden müssen. Die längste Pause war zwischen 1934 und 1966, 32 Jahre. Die Wissenschaftler hoffen, dass das nicht nochmal passiert.

1975 beschloss Kerry Sieh, ein junger Wissenschaftler der Stanford University in Kalifornien, sich im wahrsten Sinne des Wortes in die Geschichte der San-Andreas-Verwerfung hineinzugraben. Kalifornien war erst vor so kurzer Zeit besiedelt worden, dass die Berichte der letzten hundert Jahre über Bewegungen entlang der Verwerfung wissenschaftlich völlig unzureichend waren. Sieh hoffte durch Grabungen herauszufinden, wie oft die San-Andreas-Verwerfung sich in der Vergangenheit bewegt hatte, um so den Zeitpunkt des nächsten Bruches abschätzen zu können.

Er begann damit, dass er an der Verwerfung entlangfuhr und nach Flussbetten suchte, die von früheren Beben versetzt worden waren und deren jahrhundertalte Sedimentablagerungen geologisch aufschlussreiche Spuren bewahrt hatten. In einem alten Torfmoor, das sich gut 50 Kilometer nordöstlich von Los Angeles quer über die Verwerfung hinzieht, grub er in die Ablagerungen einen fast fünf Meter tiefen Graben. Dabei entdeckte er nach und nach Spuren von acht verschiedenen Versetzungen an der Verwerfung, die er mittels der C-14 Methode datierte. Sieh stellte fest, dass die Erdbeben in Intervallen von 55 bis 275 Jahren stattgefunden hatten, beginnend mit dem Jahr 565 n. Chr.; der durchschnittliche Zeitabstand betrug 160 Jahre.

Wenn Siehs Forschungen auch auf einen weitgehend konstanten zeitlichen Abstand zwischen den grossen Erdbeben in diesem Gebiet schliessen liessen, zeigten sich doch auch, dass sich seismische Ereignisse nicht an Zeitpläne halten und um 50% vom Durchschnittswert abweichen könnten. Im Hinblick auf die Zukunft äusserte Sieh sich daher vage: "Das nächste grosse Erdbeben in Südkalifornien würde nicht mit einer tausendjährigen Tradition brechen, wenn es innerhalb der nächsten zehn Jahre einträte. Doch die prähistorischen Zeugnisse lassen es ebenso möglich erscheinen, dass wir es nicht mehr erleben werden."

Die vielen Forschungsarbeiten in den USA haben für den Westen Kaliforniens recht genaue Prognosen ergeben. Mit einer Wahrscheinlichkeit von 67% in den nächsten 30 Jahren prognostizieren Wissenschaftler ein schweres Beben für San Francisco. Und für den südlichen Teil der San-Andreas-Verwerfung nahe Los Angeles wird für die nächsten drei Jahrzehnte mit einem Risiko von mindestens 60% gerechnet. Für die Menschen von Kalifornien mögen diese Art von Langzeitprognosen unbefriedigend sein. Doch immerhin geben sie der Bevölkerung genug Zeit, sich auf ein drohendes Beben einzustellen.

7.3 Warnen oder nicht warnen?

Selbst wenn eines Tages eine Methode der Erdbebenvorhersage entwickelt wird, werden wir dann davon Gebrauch machen wollen? Noch vor ein paar Jahren wäre die Antwort auf diese Frage ein einhelliges "Ja" gewesen. Heute ist die Antwort vielleicht ein "Jein", denn es wurde deutlich, dass eine Erdbebenvorhersage möglicherweise nicht weniger Schaden anrichtet als das Erdbeben selbst.

Das ist die Schlussfolgerung, zu der zwei amerikanische Wissenschaftler gelangten, Dennis S. Mileti und J. Eugene Haas von der University of Colorado. Mileti und Haas verglichen die der Gesellschaft durch eine Erdbebenvorhersage entstehenden möglichen Kosten mit den durch die Erderschütterung zusammenhängenden Schäden, und angesichts des Ergebnisses, zu dem sie kamen, muss man sich fragen, ob eine Erdbebenvorhersage wirklich der grosse Durchbruch wäre, für den man sie vielleicht hält.

Die Haas-Mileti-Studie über die Erdbebenvorhersage erfasst die möglichen Reaktionen auf eine Vorhersage einer Erderschütterung. Der im folgenden angenommene Ablauf basiert auf ihren Erkenntnissen.

Januar (irgend eines Jahres in absehbarer Zukunft):

Ein Gremium von Seismologen gibt bekannt, dass das Gebiet der Bucht von San Francisco mit 60% Wahrscheinlichkeit in etwa elf Monaten von einem grösseren Erdbeben betroffen werden wird. Erwartete Stärke auf der Richterskala: 8.0.

Februar:

Mieten für Wohnungen und Häuser gehen gegenüber den Vormonaten stark herunter. Bei der Zivilschutzbehörde häufen sich die Anrufe von Leuten, die sich nach Schutzmassnahmen bei Erdbeben erkundigen, und Bücher über Seismologie gehen ab, wie warme Semmeln.

März:

Die erste Panik ist vorüber, und die aufgeschreckten Bewohner der Bucht-Region scheinen sich wieder zu fassen. Die Medien weisen auf die lange Liste unzutreffender Erdbebenvorhersagen für Kalifornien hin, und halten es generell für unwahrscheinlich, dass die jetzige Vorhersage stimmen könnte.

April:

Ein leichter Erdstoss erschüttert das Gebiet von San Francisco. Es ist kein schweres Beben. Die Auswirkung aber ist eine dramatische. Menschen versuchen ins Freie zu gelangen für den Fall, das Gebäude einstürzen. Die schlimmste Folge ist der grösste Verkehrsstau in der Geschichte San Franciscos, weil Tausende von Menschen sich in ihre Wagen stürzen und den Gebirgsregionen zustreben. Eine weniger dramatische Katastrophe spielt sich auf dem Grundstücksmarkt ab. Die Grundstückspreise sind seit der Erdbebenvorhersage um 35 Prozent gesunken, niemand will mehr in die Gegend ziehen.

Mai:

Den Leuten aus San Francisco ist ihr Verhalten bei der kleinen Erschütterung im Vormonat peinlich, und sie sind jetzt entschlossen jede Panik zu vermeiden. Die Grundstückspreise fallen weiter. Der Bürgermeister bemüht sich, mehrere Industrien ins Stadtgebiet zu ziehen, aber den Gesellschaften ist San Francisco wegen der Erdbebengefahr ein zu grosses Risiko.

Juni:

Die Grundstückspreise sind seit Januar um 60% gesunken. Mehrere tausend Häuser in San Francisco stehen leer und locken Plünderer und Brandstifter an. Teile mehrerer Wohnviertel gehen in Flammen auf. Geschätzter Schaden: über zwei Millionen Dollar.

Juli:

Der Fremdenverkehr ist im vergangenen Halbjahr stark zurückgegangen. Die lokalen Rundfunk- und Fernsehstationen strahlen Sendungen aus mit Hinweisen, wie man sich während eines Bebens verhalten soll.

August:

In den Läden werden Waren wie Trockennahrung und Mineralwasser knapp. Die Bewohner häufen Vorräte an. Feuerwaffen und Munition finden reisenden Absatz, weil man sich von Plünderern erzählt, die nach einem grösseren Beben ihr Unwesen treiben. Man ist auch bereit, hohe Preise für Campingausrüstungen zu zahlen, die gut zustatten kommen könnten wenn ein Erdbeben Häuser einreisst.

September:

San Francisco ist wirtschaftlich gesehen eine kranke Stadt. Die Zahl der Geschäftszusammenbrüche wächst. Die Grundstückspreise haben sich jetzt stabilisiert, aber auf einem absurden Niveau: 30% der Vorjahreshöhe. Es stehen so viele Wohnungen und Geschäfte leer, dass die Polizei aus Personalmangel nicht mehr auf alle Anzeigen von Plünderungen und Zerstörungen reagieren kann.

Oktober:

Ein an einer stark befahrenen Strasse gelegenes Kino wird eines Abends spürbar erschüttert, als ein schwerer Sattelschlepper vorüberrollt. Panik bricht aus, als jemand die Erschütterungen missdeutet und "Das Erdbeben!" schreit. Drei Menschen kommen, in dem entstehenden Gedränge niedergetrampelt, ums Leben.

November:

Während das Datum des vorhergesagten Bebens näherrückt, nimmt der Exodus aus der Stadt stark zu. Ganze Wohnblocks sind jetzt praktisch verlassen. Manche Geschäftsleute, deren Verdienst durch die sozialen Auswirkungen der Erdbebenvorhersage radikal geschrumpft sind, verkaufen Unternehmen und Lager für wenig mehr als ein Hunderstel ihres Wertes.

Dezember:

Dies ist der Monat, für den der "Erdbebentag" vorhergesagt wurde. Auf den Hängen um die Stadt sind Zeltstädte entstanden. Wenn Camper den Blick zur Stadt wenden, sehen sie gelegentlich eine Rauchsäule aufsteigen, wieder ein Brand, der absichtlich gelegt wurde. In den Zeltstädten ist Gewalt an der Tagesordnung; der Winterregen, die kalten Nächte, die drangvolle Enge und das Warten auf den Erdstoss tragen zu allgemeinen Gereiztheit bei. Bald nehmen die sanitären Verhältnisse katastrophale Formen an, und die Gesundheitsbehörden befürchten den Ausbruch von Epidemien.

Weihnachten:

In San Francisco wird nicht gefeiert. Die Leute um die Bucht herum beginnen, die Vorhersage eines grösseren Bebens für ein Hirngespinst zu halten. Der wirtschaftliche Gesamtschaden der Stadt geht in die Hunderte von Millionen Dollar - etwa soviel, wie ein grösseres Erdbeben verursacht haben würde.

Neujahr:

Schnörkellinien auf einem Seismogramm zeigen an, dass unter San Francisco mit ungewöhnlicher Häufigkeit kleine Beben stattfinden. "Vorbeben", sagen die Seismologen. "Dies könnte das Beben sein", sagen sie den Behörden. "Wir glauben, Sie sollten eine Warnung herausgeben." Die Warnung geht hinaus. Niemand beachtet sie. Nach dem Chaos der vorausgegangen Monate lassen sich die Leute von San Francisco nicht noch einmal durch eine Erdbebenwarnung ins Bockshorn jagen.

2. Januar:

Ein Erdbeben von der Stärke 8.1 erschüttert San Francisco. Die Auffahrten zur Golden Gate Bridge stürzen ein, desgleichen etwa 25'000 Häuser in der Stadt. Es gibt hundertausend Verletzte. Zwanzigtausend Menschen finden sofort den Tod, zehntausend sterben später an ihren Verletzungen. Der Gesamtschaden geht in die Milliarden.

Was hier gerade beschrieben wurde, ist erfunden, beruht aber auf nüchteren Einschätzungen der gesellschaftlichen Auswirkungen von Erdbebenvorhersagen. In diesem Denkspiel wären die Bewohner von San Francisco wahrscheinlich besser dran gewesen, wenn der Alarm nicht gegeben worden wäre.

Natürlich lassen sich verschiedene Formen einer Erdbebenwarnung vorstellen und deshalb auch verschiedene Reaktionen. Bei einer kurzfristigen Warnung bliebe vielleicht zu wenig Zeit, um Gebäude abzustützen, aber die kurze Warnzeit würde die anderen sozialen Auswirkungen, wie etwa das Absinken der Grundstückspreise, auf ein Minimum reduzieren. Eine langfristige Warnung dagegen würde wahrscheinlich viele Menschenleben retten, aber andere katastrophale Folgen haben, wenn die Leute aus dem betreffenden Gebiet flüchten.

Sodann besteht die Gefahr des blinden Alarms. Man stelle sich vor, es wird eine Bebenwarnung herausgegeben, die Bevölkerung einer Grossstadt wird evakuiert, und das Beben trifft nicht ein. Die Bevölkerung würde bei der nächsten Vorhersage sicher bedeutend skeptischer reagieren oder sie ganz ignorieren, auch auf die Gefahr hin, schwere Verluste zu erleiden, wenn sich dieses Beben tatsächlich erreignet.

Und dann besteht im Falle einer spezifischen Erdbebenvorhersage stets die Gefahr einer Massenpanik. Was könnte passieren, wenn Tausende versuchen, eine ganze Stadt zu verlassen, ohne einen Leitplan? Die Menschenverluste bei einem solchen Aufruhr könnten denen eines tatsächlichen Erdbebens gleichkommen.

Die Erdbebenvorhersage ist also nicht der reine Segen, als den wir sie uns mal vorgestellt haben, und falls je eine zuverlässige Methode zur Erdbebenvorhersage entwickelt wird, stehen die Behörden beim Eintreffen der ersten Alarmmeldungen vor einer schweren Entscheidung. Was liegt mehr im öffentlichen Interesse: eine Warnung oder Schweigen?

7.4 Gebäudebau

Auf der ganzen Welt lernen die Menschen und Regierungen der erdbebengefährdeten Länder, die Erdbeben immer weniger zu fürchten, dafür aber die Instabilität und leichte Brennbarkeit ihrer Häuser immer mehr. Bei seinen Kampagnen für sichere Bauweisen in seismisch gefährdeten Gebieten kam Charles Richter immer wieder auf dasselbe Thema zurück: "Die meisten Verluste an Menschenleben und Sachwerten entstanden durch den Zusammenbruch überalterter und unsicherer Bauten. In jedem erdbebengefährdeten Gebiet der Welt gibt es noch immer viele Gebäude dieser Art, der Kampf gegen diese Zustände ist entmutigend."

Auf der Suche nach Sicherheit vor Erdbeben kommt Richters Heimatstaat Kalifornien nach Japan an zweiter Stelle. Bei der vielschichtigen politischen Struktur des Staates war die Lösung der Aufgabe nicht einfach, doch seit 1971 haben viele kalifornische Verwaltungsbezirke vor Erteilung von Baugenehmigungen häufig auf einer geologischen Untersuchung des Erdbebenrisikos bestanden, sie verlangen auch erdbebensichere Bautechniken und umfangreichere Sicherheitsvorkehrungen für den Ernstfall. Doch Widersprüche in den Gesetzen und in ihrer Anwendung, allzu kleinliche Bewilligung von Geldern für Katastrophenschutzmassnahmen und die Apathie der Öffentlichkeit lassen noch viel zu tun übrig.

San Francisco Praktisch alle Wolkenkratzer sind in Kalifornien jedoch erdbebensicher. Das auffällige, pyramidenförmige Transamerica Building in San Francisco ist ein eindrucksvolles Beispiel moderner und erdbebensicherer Architektur. Die Dreiecksträger der vorfabrizierten betonverkleideten Stahlsäulen an der Basis des 260 Meter hohen Gebäudes können das Doppelte der in den Bauvorschriften veranschlagten Erdbebenbelastung aushalten. Bei einem schweren Erdbeben wird dieses Gebäude wahrscheinlich nur 60 Zentimeter weit ausschwingen - statt der bei einem gewöhnlichen Bau dieser Höhe zu erwartenden 90 Zentimeter.

Solche bautechnischen Verbesserungen, die von den Millionen gefährdeter Menschen vielleicht ein paar tausend schützen, mögen angesichts der unermesslich grossen Bedrohung wie ein Tropfen auf den heissen Stein erscheinen.

Und doch werden dadurch Jahr für Jahr mehr Menschenleben und Gebäude vor Erdbebengerettet, und die Wissenschaft nähert sich ganz allmählich einem Sieg über die Geiseln der Menschheit.

"Lasst uns ein Bild für die Zukunft entwerfen", sagt Bruce Bolt, der Direktor des seismologischen Instituts der University of California in Berkley. Er stellt sich eine futuristische Stadt vor, "vernünftig geplant und solide gebaut", die von einem Erdbeben der Richterstärke 8 oder mehr erschüttert wird. "Jeder bleibt zu Hause, in absoluter Sicherheit", sagt Bolt. "Und wenn sich die Erschütterungen gelegt haben, gehen wir hinaus und sehen uns um. Es wird einige Tote und Verletzte geben, aber nicht viele, und ein Minimum an Zerstörung. Dies ist nicht Science Fiction - es könnte Wirklichkeit werden." Allerdings, noch sieht die Wirklichkeit anders aus. Doch solche Aussichten ermutigen die Wissenschaftler, trotz aller Rückschläge weiterzuforschen.

7.5 Einstellung der Menschen gegenüber Erdbeben

Trotz des Schreckenspotentials der San-Andreas-Verwerfung betrachten viele Kalifornier, die in ihrer Nähe wohnen Erdbeben als annehmbares Risiko, wenn man das gesunde Klima und die ökonomischen Möglichkeiten der Pazifikküste dagegen aufwiegt. "Jede Gegend hat ihre Probleme", sagt ein Kalifornier. Und eine Frau, deren Haus wenige Meter von der Verwerfung entfernt steht, fügt hinzu: "Ich habe täglich genug Sorgen. Wenn ich mich auch davon noch verrückt machen liese, würde ich gar nichts mehr schaffen." Eine andere Frau, die nun in einem Haus direkt über einem Abgrund wohnt, nachdem Erdrutsche, ausgelöst durch Erdbeben, den Boden vor dem Haus weggerissen haben, meint: "Ich hoffe, es hat sich stabilisiert, aber wer weiss... . Ich kann es mir nicht leisten, von hier wegzuziehen."

In San Francisco selbst sind die Menschen eher gelassen und neigen dazu, die an Beben reiche Geschichte ihrer Stadt als nichts weiter Ungewöhnliches zu betrachten. Die Schüler eines Juniorencollege, das in Rufweite der Verwerfung liegt, scheint es nicht zu kümmern, das sie die Verwerfung in solcher Nähe haben. Wenn man sie darauf anspricht, sehen sie einem belustigt an, als wäre das eine Frage, die ihnen Besucher schon oft gestellt haben.

"Oh, Sie hätten zu dem Erdbeben vor ein paar Monaten hier sein sollen", sagt im Buchladen eine junge Dame mit Kaugummi im Mund. "Ich war gerade hier, als es passierte. Ich habe mich umgesehen, und da haben die Bücherregale richtig soooo geschwankt... ." Sie gibt die Bewegung mit dem Körper wieder. "Das war ganz schön anständig." "Nein, ich habe keine Angst vor einem Erdbeben", sagt ein anderer Student. "Ich mache mir nur Sorgen wegen meines Aquariums zu Hause. Ich habe Angst, ich komme eines Tages heim und finde meine Fische auf dem Boden."

Insgesamt betrachten also die meisten Kalifornier die San-Andreas-Verwerfung mit einer Art fatalistischen Gleichmut und festen Glauben daran, dass ein schweres Beben sie verschont. Dr. Robert Wallace, ein amerikanischer Geologe, meint dazu: "Die San-Andreas-Verwerfung ist seit 20 Millionen Jahren in Bewegung und hat in dieser Zeit immer wieder schwere Beben erzeugt. Allein die Tatsache, dass wir jetzt das sind, ist kein Grund zu der Annahme, sie werde es nun nicht mehr tun."

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